Skandinavischer Wohnstil

Der skandinavische Wohnstil gehört wohl zu den beliebtesten Einrichtungsstilen, doch ist dieser nicht einfach bloß mit einer IKEA-Einrichtung umgesetzt. Wie man diesen Wohnstil so richtig in Szene setzt, wo man die tollsten Möbel, Leuchten sowie Textilien her bekommt (mit vielen Links zu den coolsten Adressen!) und was Ihr unbedingt beachten müsst, dass weiß Gabriele Weischer von innenraum!

Stilpropheten: Was zeichnet den Wohnstil aus und was muss unbedingt beachtet werden?
Gabriele Weischer: In der Ästhetik des skandinavischen Wohnstils spiegeln sich Land und Leute eins zu eins wider: Klar, frisch, schlicht, angenehm unkompliziert und auf jeden Fall natürlich. Besonders die umgebende Landschaft findet Einzug in die inneren Räume der Nordeuropäer: Das helle Blau des skandinavischen Himmels wird zur Wandfarbe, die Blume der bunten Sommerwiese zum Stoffdekor, die Weite des Landes zum lichtdurchfluteten Raum.
Auch eine gewisse demokratische Grundhaltung schwingt bei dieser Art des Wohnens immer mit: Das „Design für Jedermann“ ist unprätentiös und (zumeist) erschwinglich. So sahen es im Übrigen auch schon skandinavische Designikonen wie Arne Jacobsen, Alvar Aalto und Verner Panton.

Was den Einrichtungsstil noch auszeichnet, ist, bei aller Sympathie und Impulskraft für das Neue und die Moderne, die Liebe zur Tradition und dem Handgearbeiteten. Skandinavier legen meist großen Wert auf hochwertige Verarbeitung und umgeben sich gerne mit alten Handwerkstechniken; Im Zweifelsfall lieber ein Massivholzmöbel denn ein Furniertes. Statt Auslegeware ein heller Dielenboden - ausgelegt mit Fellen oder einem handgewebten Teppich. Dieser idealerweise im eigenen Land hergestellt. Dazu ein schlichter Möbel- oder Leuchtenklassiker aus dem letzten Jahrhundert wie das „Ei“ oder die „Artischocke“. So wird Einrichtung nachhaltig und zeitlos.
Und damit es nicht zu „luxuriös“ wird, gesellen sich ein paar weiße Billy-Regale dazu.
Was unbedingt beachtet werden muss? Vielleicht ein „Mach’s doch einfach einfach!“.

SP: Welche Farben, Materialien und Accessoires sollten auf jeden Fall  verwendet werden?
GW: Weiß. Und zwar viel Weiß. Dies wird dann unbedingt mit Holz kombiniert. Oft finden wir in diesem Wohnstil die einheimischen, hellen Hölzer der skandinavischen Wälder wie Birke, Kiefer und Fichte.
Es darf meiner Ansicht nach aber auch die deutsche Eiche sein. Besonders schön ist es, wenn Holz als Massivholz, schlicht oder kaum bearbeitet, im Raum eingebracht wird.
Verwendet man Felle, Leinen, Korb, Filz oder Leder, kommen noch andere Farbnuancierungen aus der Natur hinzu. Dieser natürliche Farbtenor wird dann entweder mit hellen, pastelligen Tönen harmonisch kombiniert. Oder man setzt diesem Ton-in-Ton strahlende, intensive Farben entgegen. Diese findet man sehr oft in den wunderschönen Textilentwürfen der Skandinavier, wohl um den langen, dunklen Winternächten zu trotzen. Skandinavien hat eine sehr lange Tradition, was die Textilherstellung angeht. Deshalb sollten diese hübschen, hochwertigen Textilien - ob als Bezug, Vorhang oder Teppich -  in keinem Fall fehlen.

SP: Was kann man bei diesem Wohnstil so richtig falsch machen? Hier ist Deine Gelegenheit, Dich einmal auszulassen.
GW: Indem man das Weiß so überbetont, dass die Atmosphäre der Räume unterkühlt, gar steril, wird. Dann hat man übers Ziel geschossen, denn der skandinavische Stil steht immer auch für Behaglichkeit, Wärme und Wohlfühlen.
Und: Wie bei jedem anderen Wohnstil auch, sollte man die Sache nicht zu dogmatisch angehen, indem man beispielsweise ausschließlich skandinavische Designklassiker verwendet. Das wirkt inszeniert und lässt Räume „erstarren“. Wohnräume sind zum Leben da. Sie müssen gerade im Alltag funktionieren. Auch das ist skandinavisches Design: Familientauglich, lebensnah und menschenfreundlich. Und so darf es bei aller Klarheit auch immer ein Stück weit unperfekt sein. Kleine Störer sind ein Muss.

SP: Wo beziehst Du Deine Möbel und Wohnaccessoires in diesem Stil am liebsten? 
GW: Der Allrounder in Sachen Skandinavisches Design ist sicherlich IKEA, zudem naheliegend und preisgünstig.
Möbelklassiker findet man bei Fritz Hansen (u.a. das „Sessel-Ei“ von Arne Jacobsen), Carl Hansen, Artek und Vitra („Panton-Chair“).
Weitere Möbel u.a. bei: Lammhults, Blå Station, Frederica und Fjordfiesta.
Schöne skandinavische Leuchten gibt es bei Louis Poulsen (u.a. die Artischocke von Poul Henningsen) Gubi und Lightyears.
Für Textilien und Teppiche ein Muss: Kinnasand, Kvadrat, Marimekko, HAY (auch Möbel).
Highlights im Bereich Porzellan, Glas (auch mit großer skandinavischer Tradition!) und Accessoires: Iittala, Eva Solo und Stelton. Eher verspielt und mit hohem Spaßfaktor: Bei Rice und Greengate aus Dänemark.
Wer es lieber individuell und „unplugged“ mag, wird bestimmt bei Dawanda fündig: Vom Lampenschirm im skandinavischem Textildesign über naturweiße Häkelsitzkissen bis hin zu schwedischen Möbelgriffen.
Es gibt viele gute junge Designer aus Skandinavien. Stellvertretend für all diese möchte ich „Hooked Design“ vorstellen mit seinen überdimensionalen Häkeldeckchen, welche zum Auflageteppich werden. Witzig und ökologisch, da aus recyceltem Material.

SP: Dein absolutes Lieblingsteil in diesem Wohnstil (vielleicht mit Foto) und die Geschichte, die Dich damit verbindet.
 GW: Ein Lieblingsteil als Solches habe ich nicht.
Aber eine Lieblingsecke in diesem Wohnstil. Diese befindet sich bei mir Daheim.
Hier wird gelesen, geplaudert, entspannt, geträumt und viel gespielt. Und wenn Unordnung aufkommt, verschwinden Dinge ganz unkompliziert in der Banktruhe. Das kann manchmal richtig praktisch sein. Skandinavisch eben.

SP: Wie schaffe ich das gewisse Etwas und wie setze ich Highlights bei diesem Wohnstil?
GW: Das gewisse Extra schaffe ich durch Kontraste und Brüche: Designmöbel neben ehrlichem, schlichten Handwerk. Kühle Farben neben warmen Materialien. Hochwertiges neben IKEA. Massivholz neben Sperrholz. Solides neben „Störern“.
Ein Highlight der Skandinavischen Lebenswelt sind – wie ich ganz persönlich finde - die Fabelwesen der nordischen Märchen. Ob Wichtel, Zwerge, Trolle, Feen oder Mummins (in Finnland DER Kult). Sie machen den Raum lebendig, wenn sie als Wallsticker von den Wänden schauen, sich auf Möbel und Stoffen tummeln oder einen frühmorgens auf der Kaffeetasse anlachen.
Und das alles nicht nur fürs Kinderzimmer. Ist doch zauberhaft, oder?

SP: Gibt es einen Ort, vielleicht sogar einen öffentlichen z.B. Historisches Gebäude, in dem Du diesen Wohnstil am liebsten umsetzen würdest?
GW: Ein konkretes oder gar ein historisches Gebäude fällt mir spontan nicht ein.
Da der skandinavische Wohnstil immer eine freundliche, fröhliche und einladende Atmosphäre schafft, denke ich an einen Ort, der Lebensfreude und Leichtigkeit wirklich braucht. Vielleicht um schwere Gedanken aufzubrechen, Ehrlichkeit und Klarheit in den Raum zu bringen. Wie wäre es mit einem Krankenhaus oder Altenheim im miefigen 70er oder 80er Jahre Design? Ja, ich glaube, das würde ich gerne umsetzen.
 
Beantwortet von: 

Name:
Gabriele Weischer, Dipl.-Ing. Innenarchitektin

Alter:
 
vierzig

Firma:
 
innenraum

Homepage: 
 
Ort:
 
Münster

Kurzinfo:
 
Hat Glück eine Farbe?
Hat Harmonie eine Form?
Entwickeln sich Ihre Räume wie Sie selbst?
Diese oder ähnliche Fragen stellt sich innenraum. Dabei ist es eigentlich ganz einfach…
Räume, in denen wir leben oder arbeiten, sind Ausdruck von uns und wirken auf uns zurück. Sie können uns spiegeln, in dem was wir sind. Und uns stärken in dem was uns wichtig ist. 
innenraum entwickelt Raumkonzepte, individuell abgestimmt auf Ihre Wünsche und Persönlichkeit, Ihre Ziele und Unternehmenskultur. Durch die Synthese von Innenarchitektur und Raumenergetik verbindet innenraum sinnliche Ästhetik und sinnvolle Funktion, atmosphärische Wahrnehmung mit zeitgemäßem Design.

Kommentare

  1. ...und wenn ich mich nach dem Lesen dieses schönen Artikels so in unserer Wiener Altbauwohnung umschaue, dann stelle ich fest, dass sie perfekt zum Geschriebenen passt:
    neben dem weissen, funktionalen Ikea Sofa steht der Sessel Ball von Eero Aarnio, natürlich auch in weiss und mit orange farbener Polsterung...die weissen Panton-Chairs finden sich neben den Billy-Regalen in der Leseecke...am weissen Esstisch (diesmal italienisches Design) stehen die sogenannten "Ameisen" von Arne Jacobsen in schwarz, auf dem Esstisch die schönen Glasteelichter von Ittala in cyan, dunkelblau, rot und transparent, sowie eine wunderbare giftgrüne Glasvase aus der Reijmyre Glashütte, die wir auf einer Schwedenreise besichtigt haben und in deren Verkaufsshop ich bestimmt 2 Stunden verbracht habe...aus dieser Glashütte und aus der Orrefors Glashütte findet sich dann noch viele wunderbare Trinkgläser und Schalen in der Küche, neben Küchenutensilien von Stelton und Bodum...durch die Wohnung verstreut viele kleine alltägliche Accessoires als Andenken an unsere Schwedenreisen aus meinem Lieblingsgeschäft Granit...und hätten wir uns bei der Beleuchtung nicht für italienisches Design, z.B. die Hängeleucht Carboche von Patricia Urquiola oder die transparent farbigen Hängeleuchten Fly von Kartell, sondern für Leuchten von Louis Poulsen entschieden, hätte mein Lebensgefährte bestimmt beim Aufhängen nicht über die unpraktischen Deckenbefestigungen geschimpft...aber als Wunsch für die nächste Wohnung hätte ich noch den weiss lasierten Dielenboden statt unseres Eichenparketts!
    Zusammenfasend lässt sich sagen, Skandinavisches Design ist klar und formschön, zeitlos, oft erstaunlich praktisch, alltagstauglich und ideenreich, in allen Preisklassen erhältlich, EINFACH TOLL!
    viele Grüsse aus Wien
    Ulrike
    Dipl.-Ing. Innenarchitektin/ Architektin

    AntwortenLöschen
  2. Das klingt nach einer wunderbaren und unglaublich schönen Wohnung! Wobei ich persönlich Eichenparkett favorisiere - Sieht einfach immer warm & gemütlich aus. Viele Grüße von den Stilpropheten nach Wien!

    AntwortenLöschen
  3. … oh ja diese skandinavische Chill-Out-Ecke sieht wirklich sehr behaglich aus. Ich denke, grade hier wird deutlich, wie schön sich Möbelstücke mit Geschichte und Patina integrieren. Das setzt natürlich voraus immer aufmerksam nach solchen
    Schätzchen Ausschau zu halten … Wir haben ja gelernt: es ist nicht damit getan, mal eben zum schwedischen Platzhirsch zu düsen und sich ein bißchen skandinavisches Wohnflair zu erkaufen … Ob sich die Mummins so gut mit den skandinavischen Designklassikern vertragen, da bin ich mir allerdings nicht ganz so sicher – aber ein Versuch ist es sicher Wert ;o)

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts