Wohnstil: Bauhaus

Mal Hand aufs Herz, wissen wir eigentlich wirklich was den Bauhausstil auszeichnet und welche Dinge beachtet werden müssen? Um ehrlich zu sein, wohl eher nein. Und mal ganz abgesehen davon, der Bauhausstil kämpft mit schlimmen Vorurteilen wie "kalt" oder "ungemütlich". Dass das nicht so sein muss und was den Bauhausstil wirklich auszeichnet, das haben uns die Innenarchitekten von raumdeuter erklärt! 
S 411 Thonet, 1932

Stilpropheten: Was zeichnet den Wohnstil aus und was muss unbedingt beachtet werden?
raumdeuter: Die Vorstellung vom  Bauhaus, der berühmten Schule für Gestaltung, die sich erst in Weimar, dann in Dessau und sehr kurz in Berlin befand, löst oft ganz verschiedene Reaktionen aus: von begeisterter Hingabe bis zu völliger Abneigung. Dabei schwingt immer eine vage Vorstellung vom Bauhaus-Stil mit, die von Schlagwörtern wie „modern“, „zeitlos“, „klar“ und „geradlinig“ getragen ist, selten aber noch eine genaue Kenntnis der originalen Entwürfe einbezieht.

Wenn man vom Bauhaus-Stil spricht, meint man meist die spätere Phase ab etwa 1923, in der sich die Künstler und Architekten der Schule, allen voran Walter Gropius, der industriellen Fertigung zuwandten. (Es gab nämlich auch eine expressionistische Frühphase, die unter anderem das mittelalterliche Handwerk idealisierte und z.B. mit zackigen, kristallinen Formen arbeitete).

Der industrielle Bauhaus-Stil setzt eigentlich helle, luftige Räume mit großen Fenstern, zum Teil offenen, fließenden Grundrissen und nach Möglichkeit Anbindung an die Natur voraus. Er ist geprägt von geometrischen Grundformen sowohl in der Fläche als auch im dreidimensionalen Raum. Das extrem sparsam eingesetzte, meist geometrische Dekor beschränkt sich auf Textilien, vor allem (Wand)Teppiche, und wenige Kunstwerke sowie farbige Flächen an den Wänden oder auch an der Raumdecke. 

Stauraum- und Beistellmöbel , aber auch Sessel sind oft kastenartig ausgeführt. Schränke sind meist fest eingebaut und haben Schiebetüren. Sie dienen gleichzeitig als Raumteiler und Wände. Hier wird wie in Japan Platz geschaffen für leere Flächen und Bewegungsfreiheit. Stühle  und auch Tische wirken recht filigran und sind in der Regel Stahlrohrmöbel. Dazu gehören auch die bekannten Freischwinger. Als Farben dominieren Schwarz, Grau und Weiß, ergänzt mit Akzenten der Grundfarben und glänzendem Chrom. Oft wurden auch mehrere Farbtöne kombiniert – die Bauhaus-Entwürfe waren manchmal viel „bunter“ als viele (wohl beeinflusst von den Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Zeit) denken! Auch geradlinig verarbeitetes Holz in seiner natürlichen Maserung oder farbig lackiert spielt eine wichtige Rolle, ebenso Natursteinplatten.
Den Bauhäuslern ging es auch um Gesundheit, Sauberkeit und Praktikabilität, daher sind die Bodenbeläge oft glatt und leicht zu säubern, wie etwa Linoleum oder Fliesen, und es gibt ganz einfache Vorhänge und kaum Stoffpolster oder Kissen.

SP:Was kann man bei diesem Wohnstil so richtig falsch machen? Hier ist deine Gelegenheit dich einmal auszulassen.

RD: Wer den Stil zu eng oder falsch verstanden umsetzt – also nur in Schwarz, Weiß und Metall, mit vielen glatten Flächen und Stahlrohrmöbeln – erzeugt eine kühle Atmosphäre, die sich vielleicht für eine Kanzlei eignet, jedoch nicht für eine gemütliche Wohnung! Schon die Zeitgenossen kritisierten einige Bauhaus-Entwürfe als ungemütlich und kahl.

Ganz abgesehen davon kann es bei vielen schallharten Flächen schnell Probleme mit der Akustik geben. Dieses Phänomen erleben wir oft in „modernen“ Einfamilienhäusern.

Außerdem sollte man nicht in Starkult und Statusdenken verfallen. Nur Designikonen in der Wohnung zu versammeln ist kostspieliger Quatsch. Der Barcelona-Sessel von Mies van der Rohe etwa ist zwar schick, aber ziemlich unbequem...

SP: Welche Farben und Accessoires sollten auf jeden Fall  verwendet werden?

RD: Es ist wichtig, die oben schon beschriebene „Grundausstattung“ zu individualisieren und mit persönlichen Dingen zu beleben. Dazu zählen insbesondere künstlerische Elemente, die eine Geschichte haben sollten. (Ungerahmte) Gemälde von befreundeten Künstlern, großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien mit persönlichen bzw. selbst aufgenommenen Motiven, schöne Keramik, die einen besonderen Platz erhält. Einzelne Teppiche mit geometrischen Motiven und gestaffelten Farbverläufen, die so platziert werden, dass man sie auch wahrnimmt. Dazu gut gefüllte Bücherregale. 

SP: Wo beziehst du Deine Möbel und Wohnaccessoires in diesem Stil am liebsten her?

RD: - hochpreisige Nachbauten der Originalentwürfe gibt es bei Designfirmen wie Classicon oder Thonet
- Kult sind gebrauchte Originale auf dem Second-Hand-Markt bzw. im Antiquitätenhandel
- gute alte Dinge, die es bereits in den 1920er und 1930er Jahren gab, vertreibt Manufactum, darunter auch passende Glas- und Metallleuchten oder Lichtschalter aus Bakelit und Porzellan
- schöne schlichte Glasleuchten bietet auch Glashütte Limburg
 - passende Teppiche findet man überall, warum aber nicht auch mal im Eine-Welt-Laden stöbern?
- Stahlrohrmöbel und Freischwinger findet man relativ preiswert auch bei Büroanbietern (Inwerk, Topdeq, Cairo u.a.) – hier ist dann aber ein stilsicheres Händchen gefragt, wenn man ein wohnliches Umfeld schaffen will.

SP: Dein absolutes Lieblingsteil in diesem Wohnstil (vielleicht mit Foto) und die Geschichte die Dich damit verbindet

RD: Ich mag die runde Wagenfeld-Tischlampe mit Glasfuß. Dazu gibt es keine besondere Geschichte, aber als augenzwinkernde Warnung eine herrliche Karikatur von David Pascal: Ein Mann sitzt in einem Büro mit nur rechtwinkligen Möbeln und Accessoires. Er ruft verzweifelt seine Sekretärin: „Miss Jenkins, would you please bring a round object into my office?!“

SP: Wie schaffe ich das gewisse Etwas und wie setzte ich Highlights bei diesem Wohnstil?

RD: Mit  Elementen, die den Stil wohnlich machen, ihn scheinbar brechen und doch dazu passen: Das flauschige Schaffell auf der Stahlrohrliege oder ein Kuhfell auf dem Boden; die mit Blattgold belegte Wand (Kandinsky hatte eine in seinem Dessauer Meisterhaus); der Lederpouf mit indianischem Muster und die afrikanische Holzskulptur (die Künstler der Zwanziger Jahre waren fasziniert von primitiven Kulturen). Farbige Wand- und Deckenfelder betonen besondere Orte und Flächen und schaffen effektvolle Hintergründe für Kunst und japanisch-reduzierten Blumenschmuck. 

Wer mutig ist, beschäftigt sich genauer mit den Original-Entwürfen und kombiniert farbige Wände und farbig lackierte Raumelemente wie Treppengeländer, Fußleisten und Türen ­– so ein Interieur findet man so schnell kein zweites Mal!

SP: Gibt es einen Ort, vielleicht sogar einen öffentlichen z.b. Historisches Gebäude in dem du diesen Wohnstil am liebsten umsetzen würdest?

RD: In einer Wohnung in einem Original-Wohnblock der Zeit.

Beantwortet von: 

Name:                                 
Inga Ganzer, Holger Beisitzer und Juliane Moldrzyk

Firma:                    
raumdeuter GbR

Homepage:
       
Alter:                    
Mitte 30
 
Ort:                       
Berlin

Kurzinfo:              
Unser Dreier-Team bearbeitet seit etwa 2004 gemeinsam Projekte, seit 2007 besteht unser Büro in eigenen Räumen, derzeit noch in Berlin-Kreuzberg. Unser Studium der Innenarchitektur absolvierten wir alle an der Burg Giebichenstein in Halle/Saale – einer Schule in der Tradition des Deutschen Werkbunds, mit einer Grundausbildung, die der am Bauhaus gleicht. Durch die individuellen Hintergründe, Interessen, Erfahrungen und Fähigkeiten des Einzelnen gewinnt diese gemeinsame Basis zusätzlich neue Facetten. Unseren Stil beschreiben wir als klar und sachlich mit einem gewissen Augenzwinkern. Wir bearbeiten Geschäftsprojekte wie Gastronomie, Läden, Büro- und Konferenzräume, entwerfen aber auch für private Auftraggeber.


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Kommentare

  1. Sehr interessanter Artikel. Mit BEgriffen wie "Bauhaus" etc. ist es ja immer so, dass 100 Leute damit umherschmeißen, aber keiner weiß was es heißt. Außer Kunstgeschichtsstudenten wie ich. Haha!

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  2. danke für den tollen artikel, habs ja kaum für möglich gehalten, aber auch ich fühl ich jetzt noch a bissl schlauer ;))))
    mehr davon!

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  3. Ihr dürft gespannt sein, denn es arbeiten noch viele tolle Einrichtungsbüros und erklären viele Wohnstile! Schaut wieder rein :)

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